21 HÖCHSTENS VIER GESCHOSSE **

 

021.0

. . . innerhalb eines "städtischen Gebiets ist die Bebauungsdichte nicht gleich. Im allgemeinen ist sie zum Zentrum hin höher und zu den Rändern hin niedriger - STADT-LAND-FINGER (3), MASCHENNETZ VON LANDSTRASSEN (5), DER ZAUBER DER STADT(10). Es gibt jedoch für die ganze Stadt, auch für ihre dichtesten Punkte, starke humane Gründe, alle Gebäude einer Höhenbeschränkung zu unterwerfen. 

 

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Es gibt ausreichende Beweise dafür, daß hohe Gebäude Menschen verrückt machen.

 

Hohe Gebäude haben keine eigentlichen Vorteile, außer daß sie Banken und Grundeigentümern Spekulationsgewinne verschaffen.Sie sind nicht billiger, sie sparen keinen Freiraum, sie zerstören das 'Stadtbild, sie zerstören das soziale Leben, sie erzeugen Kriminalität, sie erschweren das Leben für Kinder, sie haben hohe Betriebskosten, sie ruinieren die Freiflächen in ihrer Nähe, sie beeinträchtigen Licht, Luft und Aussicht. Aber abgesehen von allen Hinweisen darauf, daß sie nicht sehr vernünftig sind, zeigen empirische Belege, daß sie tatsächlich Geist und-Gefühl von Menschen schädigen können.

Es gibt dafür zwei verschiedene Gruppen von Beweisen. Die eine zeigt die Auswirkungen von Wohnhochhäusern auf das geistige und soziale Wohlbefinden von Familien. Die andere zeigt die Auswirkungen von großen und hohen Gebäuden auf die menschlichen Beziehungen in Büros und Arbeitsstätten. Im folgenden Tex. beschreiben wir die erste dieser beiden Beweisgruppen. Die zweite, die Büros und Arbeitsstätten betrifft,haben wir in GEBÄUDEKOMPLEX (95) aufgenommen, da es sich dabei nicht nur um die Höhe von Gebäuden, sondern auch um ihr Gesamtvolumen handelt.

Wir möchten aber betonen, daß die scheinbar einseitige Betrachtung des Wohnbaus in den folgenden Abschnitten nur ein Aspekt ist. Das zugrunde liegende Phänomen - nämlich die von der Gebäudehöhe Verursachte psychische Störung und soziale Entfremdung - gilt gleicherweise für den Wohnbau und für Arbeitsstätten.

 

021.1

"Das Wahrheitsministerium - Miniwahr, wie es in der Neusprache  ... hieß - sah verblüffend verschieden von allem anderen aus, was der Gesichtskreis umfasste. Es war ein riesiger pyramidenartiger, weiß schimmernder Betonbau, der sich  terrassenförmig dreihundert Meter hoch in die Luft reckte"  (George Orwell: 1984)

 

Das stärkste Beweismaterial stammt von D.M. Fanning ("Families in Flats", British Medical Journal, 18. November 1967,S. 382-386). Fanning weist auf eine direkte Korrelation zwischen dem Vorkommen psychischer Störungen und der Höhenlage von Wohnungen. Je höher Menschen über dem Bodenleben, desto wahrscheinlicher treten psychische Krankheiten auf. Und es ist nicht einfach so, daß für solche Krankheiten anfällige Menschen Hochhauswohnungen .. wählen. Fanning zeigt, daß die Korrelation bei Leuten am stärksten ist, die die meiste Zeit in ihren Wohnungen verbringen. Innerhalb der erfassten Familien war die Entsprechung am stärkste~ für Frauen,die die meiste Zeit, weniger stark für Kinder, die weniger Zeit, und am schwächsten für Männer, die die wenigste Zelt in ihrer Wohnung zubringen. Das ist ein starker Hinweis  darauf, daß die im Hochhaus verbrachte Zeit an sich diese Auswirkungen hat.

Ein einfacher Mechanismus konnte das erklaren, Das.Lebe im Hochhaus entfernt die Leute vom Boden um vom zufälligen alltäglichen Gesellschaftsleben, das auf den Gehsteigen und Straßen in den Gärten und Veranden vor sich geht. Sie sind in ihren Wohnungen allein. Der Entschluss, hinaus in die Öffentlichkeit zu gehen, wird zu einer bewussten und schwierigen Angelegenheit, und wenn es keinen besonderen Anlass gibt, hinunterzugehen, bleibt man eher zu Hause allein. Die zwangsläufige Isolierung führt dann zu Zusammenbrüchen.

Die Entdeckungen Fannings werden von den klinischen Erfahrungen von Dr. D. Cappon unterstützt, von denen in "Mental Health and the High Rise", Canadian Public Health Association, April 1971, berichtet wird:

Es gibt viele Gründe für die Annahme, daß das Leben in Hochhauswohnungen negative Auswirkungen auf die psychische und soziale Gesundheit, hat. Und es gibt genügend klinisches Fallmaterial und unmittelbare Beobachtungen, die das untermauern. Hier einige zufällig aneinandergereihte Faktoren:

Im, Verlaufe meiner fünfjährigen Erfahrung als Leiter der Abteilung für psychische Gesundheit in einer Kinderklinik in York Township,Toronto, habe ich zahlreiche bewegungsbehinderte Kinder gesehen... und die Behinderung der Bewegung ist für ein kleines Kind dies schlimmste aller Wahrnehmungs- und- Erfahrungsbehinderungen. Sie hat Lethargie oder Unruhe und asoziales Verhalten oder aber ein völliges Zurückziehen, Persönlichkeitsstörungen und psychische Erkrankungen zur Folge.

Kleine Kinder in einem Hochhaus sind viel mehr ihrer sozialen Kontakte mit Gleichaltrigen beraubt als ihre Vergleichsgruppen in Einfamilienhäusern, daher schlecht sozialisiert und in zu enger Beziehung zu den Erwachsenen, die wiederum dadurch angespannt und reizbar werden.

Jugendliche im Hochhaus leiden eher an der Langeweile, "nichts zu Jugendliche im Hochhaus leiden eher an der Langeweile, "nichts zutun zu haben", als die im Einfamilienhaus. Dadurch entsteht zusätzlicher Bedarf  an Betreuungsdiensten und eine gesteigerte Tendenz zum Eskapismus ...

Mütter sind mehr um Kleinkinder besorgt, wenn sie sie nicht vom Mütter sind mehr um Kleinkinder besorgt, wenn sie sie nicht vom Küchenfenster aus auf der Straße beobachten können.

Im Hochhaus herrscht eine größere Passivität wegen der Hindernisse auf dem Weg nach unten, wie Aufzüge, Gänge etc. Die Überwindung der vertikalen Strecke bedeutet Zeitverlust und Anstrengung. Im Hochhaus wird Mehr ferngesehen. Das wirkt sich wahrscheinlich besonders negativ auf ältere Menschen aus, die ebenso wie die ~ jungen mehr Bewegung und Aktivität brauchen. Wenn die Immobilität sie auch vor Unfällen schützt, verkürzt sie doch ihr Leben ....

In einer dänischen Studie von Jeanne Morville finden sich weitere Hinweise (Berns Brug AI Friarealer, Disponering Af Friarealer, Etageboligomräder Med Scerlig Henblik Pä Borns Legsmuligheder, S.B.I., Dänemark, 1969):

Kinder aus hohen Wohnblöcken fangen später eigenständig im Freien zu spielen an als die aus niedrigen Wohnblöcken: nur- 2% 'der Kinder zwischen zwei und drei Jahren m den hohen Wohnblöcken spielen allein im Freien, gegenüber 27% der Kinder aus den niedrigen Wohnblöcken.

In den hohen Wohnblöcken spielen 29% der Fünfjährigen noch nicht allein im Freien, während es in den niedrigen Blöcken bereits alle tun.... Der Prozentsatz der allein im Freien spielenden Kinder nimmt mitzunehmender Höhenlage der Wohnungen ab; 90% aller Kinder aus den drei unteren Geschossen in den hohen ,Wohnblöcken spielen allein im Freien, dagegen nur 59% der Kinder aus den drei obersten. Geschossen ....

Kleine Kinder aus den hohen Blöcken haben weniger Kontakte mit Spielgefährten als die aus den niedrigen Blöcken: unter den Ein- bis Dreijährigen haben 86% aus den niedrigen Blöcken täglichen Kontakt  mit Spielgefährten; dies trifft nur auf 29% dieser Altersgruppe aus hohen Blöcken zu.

Dazu kommt das Material von Oscar Newman in Defensible Space. Newman verglich zwei benachbarte Wohnprojekte .in New York - das eine ein Hochhaus, das andere eine Reihe relativ kleiner dreigeschossiger Gebäude ohne Aufzug. Die beiden Projekte haben die gleiche Gesamtdichte und ihre Einwohner ungefähr das gleiche Einkommen. Newman stellte aber fest, dass die Kriminalitätsrate im Hochhaus ungefähr doppelt so hoch war wie in den Häusern ohne Aufzug.

Bei welcher Gebäudehöhe beginnen die von Fanning, Cappon,Morville und Newman beschriebenen Auswirkungen? Nach unseren Erfahrung beginnt das Problem sowohl in Wohn- als auch in Bürogebäuden, wenn sie mehr als vier Geschosse hoch sind.

Bei drei oder vier Geschossen kann man noch bequem auf die Straße hinuntergehen, und vom Fenster aus kann inan sich noch als Teil der Straßenszene fühlen: Man kann auf der Straße Details sehen - Menschen, deren Gesichter, das Laub, Geschäfte. Vom zweiten Stock kann man hinunter schreien und jemand auf sich aufmerksam machen. Oberhalb von vier Geschossen brechen diese Verbindungen ab. Das visuelle Detail ist nicht mehr zu erkennen; man spricht von der Szene unten, als ob sie ein Spiel wäre, von dem man völlig abgesetzt ist. Die Verbindung zum Boden und zur Struktur der Stadt wird schwach; das Gebäude wird mit seinen Aufzügen und Cafeterias, zu einer eigenen Welt.

Wir glauben deshalb, dass "Höchstens vier Geschosse" geeignet ist, den Zusammenhang zwischen der Gebäudehöhe und der Gesundheit einer Bevölkerung, auszudrücken. Natürlich kommt es auf den Sinn dieses Musters an. Zweifellos kann ein Gebäude mit fünf oder sogar mit sechs Geschossen funktionieren, wenn es gut durchdacht ist. Das ist aber nicht leicht. Im großen und ganzen sind wir für höchstens vier Geschosse in der ,ganzen Stadt, mit nur gelegentlichen Abweichungen.Das letzte Wort geben wir den Kindern von Glasgow:

THE JEELY PIECE SONG by Adam McNaughton

 

I'm a skyscraper wean, I live on the nineteenth flair

On' I:m no' gaun. oot tae play ony mair,

For S10ce we moved tae oor new hoose I'm wastin' away

Cos I'm gettin' wan less meal ev'ry day,

 

Refrain

 

Oh, ye canny fling pieces oot a tw-enty-storey flat,

Seyen hundred hungry weans will testify tae that,

If It'S butter, cheese or jeely, if the breid is blain or pan

The odds against it reachin' us is ninety-nine tae wan.

 

We´ve wrote away tae Oxfam tae try an' get some aid,

We,ve a JOlned theglther an' formed a "piece" brigade,

We´ve gonny joined tae London tae .demand oor Cicil Rights,

Llke "Nae malt hooses over piece flinin´ heights."

 

Daraus folgt:

Lass in jedem beliebigen Stadtgebiet, ob dicht bebaut oder nicht, die Mehrzahl der Gebäude nur mit einer Höhe von vier Geschossen oder weniger zu. Bestimmte Gebäude mögen dieses Limit überschreiten; das sollten aber niemals Wohngebäude sein.

 Eine Muster Sprache 21 HÖCHSTENS VIER GESCHOSSE

 

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Innerhalb des Rahmens, den „Höchstens vier Geschosse" bezeichnen, ergibt sich die genaue Höhe der einzelnen Gebäude je nach der erforderlichen Nutzfläche, der Grundstücksfläche und der Höhe der Bauten der Umgebung durch das Muster ANZAHL DER STOCKWERKE (96). Übergeordnete Unterschiede der Dichte ergeben sich aus RINGE VERSCHIEDENER DICHTE (29). Die horizontale Unterteilung der größeren Gebäude in kleinere Einheiten und getrennte kleinere Bauten findet sich in GEBÄUDEKOMPLEX (95). WOHNHÜGEL (39) und VERBINDUNG ZWISCHEN BÜROS (82) geben an, wie man mehrgeschossige Wohn- und Bürohäuser bei höchstens vier Geschossen gestalten kann. Und schließlich: nimm das Vier-Geschoß-Limit nicht zu wörtlich. Gelegentliche Ausnahmen von der allgemeinen Regel sind sehr wichtig - AUSSICHTSPUNKTE (62) ...

 

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