64 TEICHE UND BÄCHE *

 

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... kaum jemals ist das Land in seinem Naturzustand flach; ursprünglich war es überzogen mit Wasserläufen und Bächen, die das Regenwasser abführten. Es gibt keinen Grund, diese natürliche Eigenschaft des Bodens in der Stadt zu zerstören HEILIGE STÄTTEN (24), ZUGANG ZUM WASSER (25) —, es ist sogar wichtig, diese Eigenschaft zu erhalten oder wiederzuschaffen. Dabei ist es sogar möglich, bestimmte größere Muster zu vertiefen — durch Bäche können leicht Grenzen zwischen Nachbarschaften gebildet werden — NACHBARSCHAFTSGRENZE (15) -, ruhige Hinterseiten können noch ruhiger gemacht werden - RUHIGE HINTERSEITEN (59) —, Fußgängerstraßen können menschlicher und natürlicher sein — FUSSGÄNGERSTRASSE (100).

 

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Wir kommen aus dem Wasser; unser Körper besteht weitgehend aus Wasser; Wasser spielt eine grundlegende Rolle in unserer Psychologie. Wir brauchen ständigen Zugang zum Wasser, überall um uns; dazu gehört, daß wir dem Wasser in allen seinen Formen Wertschätzung entgegenbringen. Aber überall in den Städten ist das Wasser außer Reichweite.

 

Sogar in den gemäßigten, wasserreichen Klimazonen sind die natürlichen Quellen ausgetrocknet, verborgen, abgedeckt und verloren gegangen. Das Regenwasser läuft unterirdisch in Kanälen; Wasserbehälter sind überdeckt und abgezäunt; Schwimmbecken sind mit Chlor gesättigt und ebenfalls abgezäunt; Teiche sind so verschmutzt, daß niemand mehr hingehen will.

Und gerade in dichtbesiedelten Gebieten ist das Wasser knapp. Der tägliche Zugang, den wir und unsere Kinder brauchen, ist nicht möglich, wenn nicht alles Wasser, in allen seinen Erscheinungsformen, freigelegt, erhalten und aus einem zusammenhängenden örtlichen Gewebe von kleinen Becken, Teichen, Behältern und Gerinnen gespeist wird.

Die Beziehung zwischen Menschen und Wasser kann man auf verschiedenen Ebenen ausdrücken. Der Biologe L. J. Henderson stellte fest, daß der Salzgehalt des menschlichen Blut im wesentlichen derselbe wie der des Meerwassers ist, weil aus dem Wasser kommen. Elaine Morgan, eine Anthropologin, vermutet, daß wir während der Dürre des Pliozäns ins Meer :zurückkehrten und dort 10 Millionen Jahre als Meeressäugetiere in seichtem Wasser am Rande des Ozeans lebten. Offensichtlich erklärt diese Hypothese viele Eigenschaften des menschlichen Körpers, vor allem, daß er weitgehend dem Wasser angepaßt ist, was anders nicht erklärbar wäre (The Descent of Woman, New York: Bantam Books, 1973).

Unter Psychoanalytikern ist es übrigens gebräuchlich, Wasserkörpern, die in Träumen auftauchen, eine Bedeutung zu geben. Jung und die Jungianer verstehen große Wasserkörper als Darstellungen des Unbewußten des Träumers. Wir vermurten sogar aufgrund psychoanalytischen Materials, daß durch den Aufenthalt im Wasser eine Person ihren unbewußten Prozessen näherkommen kann. Wir glauben, daß Menschen, die oft in Bädern, Seen oder im Meer schwimmen und tauchen, manchmal ihren Träumen näher und mehr in Kontakt mit ihrem Unbewußten sind als Menschen, die selten schwimmen. Viele Untersuchungen haben tatsächlich gezeigt, daß Wasser einen positiven therapeutischen Effekt hat; daß es Entwicklungserfahrungen bringt. (Für derartige Hinweise siehe Ruth Hartley u. a., Understanding Children's Play, Columbia University Press, New York, 1964, Kapitel V.)

Aus all dem geht hervor, daß unser Leben verarmt ist, wenn wir nicht reichen und dauernden Kontakt mit Wasser herstellen können. Aber in den meisten Städten ist das völlig unmöglich. Schwimmbecken, Seen, Strände gibt es wenige; und sie sind Weit weg. Und wie sieht die Wasserversorgung aus? Unser einziger Kontakt mit dem Wasser besteht darin, den Hahn raufzudrehen. Wir nehmen das Wasser als etwas Selbstverständliches. Aber so großartig die hochstehende Technologie der Wasseraufbereitung und -versorgung geworden ist, sie befriedigt nicht das emotionale Bedürfnis, die örtlichen Quellen zu erleben und den Kreislauf des Wassers, seine Grenzen und :sein Geheimnis zu verstehen.

Aber man kann sich eine Stadt vorstellen, wo es in der Nähe jeder Wohnung und jedes Arbeitsplatzes hunderte von Wasserstellen gibt. Wasser zum Schwimmen, Wasser, an dem man sitzen kann, wo man die Füße eintauchen kann. Nehmen wir z.B. fließendes Wasser: Bäche und Wasserläufe. Heutzutage sind sie überdeckt und unter die Erde verbannt. Anstatt mit ihnen und an ihnen zu bauen, schaffen sie die Planer einfach aus der Welt, als wollten sie sagen: „Die Launen der Natur haben im rationalen Straßennetz keinen Platz." Aber wir können durchaus so bauen, daß der Kontakt mit dem Wasser erhalten bleibt, mit Teichen und Becken, mit Behältern und mit Bächen und Wasserläufen — sogar mit dem Sammeln von Regenwasser.

Kinder brauchen seichte Teiche und Becken. Solche Teiche und Becken können in der ganzen Stadt vorhanden sein, nahe' genug, daß Kinder dorthin laufen können. Es können auch Teile größerer Becken oder Buchten von Flüssen sein, die durch die Stadt fließen, wo sich am Rand eine ausgeglichene Ökologie entwickeln kann — Teiche mit Enten und Karpfen, mit einem Ufer, das für Kinder sicher genug ist.

Oder denken wir an das System der örtlichen Wasserreservoirs. Man kann örtliche Behälter so anlegen, daß man hingehen kann; sie könnten gewissermaßen eine Art von Schrein darstellen, wo die Leute mit ihrer Wasserversorgung in Berührung kommen können; die unmittelbare Umgebung könnte eine kontemplative Atmosphäre haben. Diese „Schreine" könnten im öffentlichen Raum liegen: vielleicht am Ende einer Promenade oder als ein Grenzstreifen öffentlichen Landes zwischen zwei Gemeinden. 

 

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Indischer Brunnen mit Stufen.

 

Oder denken wir an all die möglichen Formen fließenden.. Wassers. Menschen, denen es in ihrer täglichen Umgebung fehlt, fahren weit aus ihren Städten aufs Land, wo sie ein Gewässer fließen sehen, wo sie bei einem Fluß sitzen und das Wasser betrachten können. Kinder sind fasziniert von fließendem Wasser. Sie benützen es ständig, spielen darin, Werfen Holzstäbe hinein und schauen, wie sie verschwinden, lassen Papierschiffchen treiben, rühren den Schlamm auf und beobachten, wie es wieder klar wird.

Natürliche Wasserläufe können in ihrem ursprünglichen Bett zusammen mit der umgebenden Vegetation geschützt und aufrechterhalten werden. Regenwasser von den Dächern kann in kleinen Becken gesammelt und neben privaten und öffentlichen Fußwegen in Kanälen geleitet werden, sodaß man es sehen und genießen kann. Auf öffentlichen Plätzen kann man Springbrunnen bauen. Und in Städten, wo Wasserläufe vergraben worden sind, könnte es sogar möglich sein, sie wieder ans Tageslicht zu bringen.

Eine Muster Sprache 64 TEICHE UND BÄCHE

Insgesamt schlagen wir vor, daß jedes Bauprojekt, egal welchen Maßstabs, eine Bestandsaufnahme der Wasserversorgung und des Zugangs zum Wasser in seiner Umgebung vornimmt. Wo es daran fehlt, wo es keinen lebendigen Kontakt mit dem Wasser gibt, sollte jedes Projekt es unternehmen, für sich und im Zusammenwirken mit anderen Projekten, Wasser in die Umwelt zu bringen. Auf andere Weise wird es nicht möglich sein, in Städten eine geeignete Verteilung von Wasser zu erreichen.: wir brauchen Schwimm- und Zierbecken, natürliche Teiche, Regenwasserläufe, Springbrunnen, Wasserfälle, natürliche durch die Stadt laufende Bäche und Flüsse, kleine Gartenbecken und Wasserbehälter, die wir sehen und erkennen können.

 

Daraus folgt:

Schütz natürliche Gewässer und belaß sie in der Stadt; bau Wege und Stege, damit die Menschen entlang des Ufers gehen und sie überqueren können. Laß die Wasserläufe natürliche Barrieren in der Stadt bilden, die vom Verkehr nur an bestimmten Stellen überbrückt werden.

Wo immer es möglich ist, sammle das Regenwasser in offenen Läufen und laß es sichtbar entlang von Wegen und vor den Häusern vorbeifließen. Wo es kein natürliches fließendes Wasser gibt, errichte Springbrunnen auf der Straße.

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Wenn irgend möglich, sollten alle Becken und Schwimmgelegenheiten Teile des fließenden Wassers sein - nicht von ihm getrennt; dies ist der einzige Weg, die Becken ohne Begleiterscheinungen von Pumpen und Chlor lebendig und sauber zu halten - STEHENDES WASSER (71). Da und dort sollte die unmittelbare Umgebung des Wassers eine kontemplative Atmosphäre haben; vielleicht durch Arkaden, vielleicht durch bestimmte Eigenschaften des Orts, vielleicht am Ende einer Promenade PROMENADE (31), GEHEILIGTER BODEN (66), ARKADEN (119). ...

 

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