190 VERSCHIEDENE RÄUMHÖHEN **

 190.0

... das folgende Muster trägt dazu bei, den Räumen ihre Gestalt zu geben. Es ist daher eine Ergänzung aller Muster, von denen Räume, Arkaden, Balkone, Zimmer im Freien oder kleinere Räume bestimmt werden: kurz, nahezu jedes der letzten 100 Muster. Wenn man sich diese Räume auf dem Bauplatz selbst bereits vorgestellt hat, dann sieht man sie im Geiste schon dreidimensional vor sich: Sie haben Raumvolumen. und sind nicht nur Flächen am Grundriß. Mit dem folgenden Muster, das die Raumhöhe bestimmt, und dem nächsten Muster, das die genaue Form jedes Raums bestimmt, sowie mit den übrigen Mustern dieser Sprache verwirklichen wir diese dreidimensionale Vorstellung vom Gebäude.

 

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Ein Gebäude mit durchlaufend gleichen Raumhöhen ist praktisch außerstande, Wohlbefinden zu vermitteln.

 

In gewisser Weise stehen niedrige Decken für Intimität und hohe Decken für Formalität. Bei älteren Gebäuden, die wechselnde Raumhöhen ermöglichten, wurde das fast als Selbstverständlichkeit betrachtet. Bei Gebäuden, die vor allem aus genormten Teilen bestehen, können nur sehr schwer von Raum zu Raum verschiedene Raumhöhen verwendet werden, und deshalb wird darauf meist vergessen. Und die Leute verzichten nicht ungern darauf, weil sie die große psychologische Bedeutung von verschiedenen Raumhöhen vergessen haben.

Wir haben im Laufe der Jahre, in denen wir die Bedeutung Verschiedener Raumhöhen zu vermitteln versuchten, drei verschiedene Theorien vorgebracht, und wir werden nun die Entwicklung dieser drei Theorien aufzeigen, weil dadurch die Problematik klarer wird; außerdem kann sich dann wahrscheinlich jeder das Muster für sich selbst besser zurechtlegen.

Theorie eins. Die Raumhöhe sollte auf die Länge und Breite des Raums abgestimmt sein, weil es sich um ein Proportions-problem handelt; die Menschen fühlen sich je nach den Proportionen eines Raums wohl oder unbehaglich.

Es wurde schon viel versucht, Regeln für die „richtige Proportton eines Raums aufzustellen. Palladio legte zum Beispiel drei Proportionsregeln fest: Allen gemeinsam war das Merkmal, daß die Höhe eines Raums zwischen dessen Länge und Länge und Breite liegen sollte.

In der traditionellen japanischen Architektur wird diese Überlegung durch eine einfache Faustregel wiedergegeben: Die Höhe eines Zimmers beträgt 190 cm + (9,4 x die Zahl der Tatami in einem Zimmer) cm. Auf diese Weise wird ein direkter Bezug zwischen Bodenfläche und Raumhöhe hergestellt. Ein sehr kleines Zimmer (3 Matten) hat eine Raumhöhe von 218 cm. Ein großes Zimmer (12 Matten) hat eine Raumhöhe von 303 cm (Siehe Heinrich Engle, The Japanese House, Rutland Vernlont Charles E. Tuttle Company, 1964, S. 68 -71.)

So vernünftig diese Methode in gewissen Fällen auch sein mag, so ist sie dennoch ganz eindeutig kein wirklich gültiges geometrisches Prinzip. Es gibt viele Räume mit extrem niedrigen Decken, vor allem in kleineren und informelleren Häusern, die sehr angenehm sind, obwohl sie gegen Palladios Prinzipien und die japanische Faustregel verstoßen.

Theorie zwei. Die Raumhöhe steht in Verbindung mit der sozialen Distanz der Menschen in einem Raum und ist. daher unmittelbar mit dem zwischen ihnen vorhandenen Maß an Intimität verbunden.

Diese Theorie erklärt, was an schlecht proportionierten Zimmern falsch ist und bietet im Ansatz eine funktionelle Grundlage, die richtige Höhe für verschiedene Räume festzulegen. Der springende Punkt ist das Problem der angemessenen sozialen Distanz. Man weiß, daß es in verschiedenen sozialen Situationen passende oder unpassende Entfernungen zwischen den Menschen gibt. (Siehe Edward Hall, The Silent Language, New York: Doubleday, 1959, S. 163-164; und Robert Sommer „The Distance for Comfortable Conversation", Sociometry, 1962, S. 111-116.) Die Raumhöhe beeinflußt die soziale Distanz, auf zwei Weisen:

  1. Die Höhe einer Decke hat offenbar einen Einfluß auf die scheinbare Distanz zwischen einer Schallquelle und dem Hörer. So scheinen Schallquellen bei einer niedrigen Decke näher zu sein als sie tatsächlich sind; bei einer hohen Decke scheinen sie weiter entfernt zu sein als in Wirklichkeit.

    Da der Schall ein wichtiger Faktor bei der Wahrnehmung von Entfernungen zwischen Menschen ist (Stimme, Schritte, Rascheln usw.), heißt das, daß die Raumhöhe die scheinbare Distanz zwischen Menschen verändert. Bei einer hohen Decke Scheinen die Leute weiter entfernt zu sein als sie tatsächlich sind.

    Ausgehend von dieser Wirkung ist klar, daß intime Situationen sehr niedrige Raumhöhen erfordern, weniger intime Situationen höhere Decken, formelle Orte hohe Decken; und sehr öffentliche Situationen erfordern die größte Raumhöhe: Beispiele sind der Baldachin über dem Doppelbett — eine Nische neben dem Kamin — ein formelles Empfangszimmer mit hoher Decke - der Hauptbahnhof.

  2. Mittels gedachter dreidimensionaler „Luftblasen". Wir wissen, daß jede soziale Situation einen bestimmten horizontalen Maßstab oder Durchmesser hat. Man könnte sich das wie eine. Art von Membran oder Luftblase, welche die Situation umgibt, vorstellen. Aller Wahrscheinlichkeit nach braucht diese Luftblase auch eine vertikale Komponente — in gleicher Größe wie ihr Durchmesser. Wenn dem so ist, dann muß die Raumhöhe gleich der vorhandenen sozialen Distanz im Raum sein, damit man sich wohlfühlt. Da die Leute im Hauptbahnhof einander fremd sind und die tatsächliche soziale Distanz zwischen ihnen etwa 30 m beträgt, wäre somit erklärt, warum der Raum sehr hoch sein muß; ähnlich muß der Raum über einer intimen Nische oder einem Doppelbett, wo die soziale Distanz nicht mehr als 1,5 m oder 1,8 m beträgt, sehr niedrig sein.

Theorie drei. Obwohl beide der angeführten Theorien wertvolle Einsichten enthalten, müssen sie zumindest geringfügig falsch sein, weil sie davon ausgehen, daß die absolute lichte Hohe in einem Raum entscheidende funktionelle Auswirkungen hat. In Wirklichkeit ist die absolute Raumhöhe nicht sogen hat. In Wirklichkeit ist die absolute Raumhöhe nicht so ausschlaggebend, wie Theorie eins und zwei vermuten lassen.

So könnte zum Beispiel der intimste Raum in einem Iglu nicht höher als 1,5 m sein; in einer heißen Klimazone sind aber vielleicht sogar die intimsten Räume 2,7 m hoch. Daraus wird ersichtlich, daß die absolute Raumhöhe auch durch andere Faktoren bestimmt wird: durch Klima und Kultur. Offensichtlich kann also keine Theorie, die eine absolute Höhe für eine bestimmte soziale Situation oder für eine Raumgröße vorschreibt, richtig sein. Was steckt dann dahinter? Warum gibt es verschiedene Raumhöhen? Welche funktionelle Wirkung wird damit erzielt?

Wir sind letztlich zu dem Schluß gekommen, daß es eben auf die Unterschiede selbst ankommt, nicht bloß auf die absolute Höhe eines gegebenen Raums. Denn wenn ein Gebäude Räume mit verschiedenen Höhen hat und die Höhe (aus den erwähnten Gründen) die sozialen Beziehungen beeinflußt, dann ermöglicht die bloße Tatsache, daß die Raum höhen variieren, den Leuten je nach dem erwünschten Grad an Intimität, von hohen Räumen in niedrige zu wechseln und umgekehrt — weil sie wissen, daß jeder die Beziehung zwischen Intimität und Raumhöhe empfindet.

Nach dieser Theorie ist die Wirkung der Raumhöhe keine direkte; vielmehr besteht eine komplexe Wechselwirkung zwischen Mensch und Raum; die Leute fassen die verschiedenen Raumhöhen in einem Gebäude als Botschaften auf und stimmen ihren Standort darauf ab. Sie fühlen sich wohl oder unbehaglich, je nachdem ob sie an diesem Entscheidungsprozeß beteiligt sind, und fühlen sich dann sicher, wenn sie eine Stelle mit passender Intimität ausgewählt haben.

Schließlich sind noch ein paar Anmerkungen zur Durchführung dieses Musters notwendig. Bei einem eingeschossigen Gebäude gibt es keine Probleme; die Raumhöhen können nach Belieben variieren. In mehrgeschossigen Gebäuden ist das jedoch nicht so einfach. Die Böden der darüberliegenden Geschosse sollten mehr oder weniger eben sein; und das führt natürlich zu Problemen, wenn darunter die Raumhöhen wechseln sollen. Hier einige Hinweise, die vielleicht zur Lösung beitragen:

  1. Bau dort, wo du eine geringere Raumhöhe haben möchtest, zwischen den Fußböden und den Decken mindestens 60 cm tiefe Abstellräume.Eine Muster Sprache 190 VERSCHIEDENE RÄUMHÖHEN 1
  2. Bau zwei Nischen übereinander. Wenn jede 1,9 m hoch ist, liegt die Hauptdecke in 4 m Höhe, was sich gut für sehr öffentliche Räume eignet.Eine Muster Sprache 190 VERSCHIEDENE RÄUMHÖHEN 2
  3. Heb das Niveau des Fußbodens mit Hilfe von Stufen an, anstatt die Decke zu senken.Eine Muster Sprache 190 VERSCHIEDENE RÄUMHÖHEN 3
  4. Es ist sehr wichtig, einige Räume nur 2,10 m bis 2,30 m hoch zu machen - diese Zimmer sind sehr schön.
  5. Außer bei eingeschossigen Gebäuden sind Räume mit niedriger Decke vor allem in den oberen Geschossen sinnvoll; tatsächlich sollte die Raumhöhe von Geschoß zu Geschoß abnehmen - die öffentlichsten Räume für große Zusammenkünfte liegen normalerweise im Erdgeschoß, und je weiter die Räume vorn Boden entfernt sind, desto intimer werden sie.Eine Muster Sprache 190 VERSCHIEDENE RÄUMHÖHEN 4

 

Daraus folgt:

Wechsle im gesamten Gebäude die Raumhöhen, vor allein zwischen Räumen, die miteinander verbunden sind, damit die relative Intimität verschiedener Räume spürbar wird. Mach jene Räume hoch, die öffentlich sind oder für große Zusammenkünfte dienen sollen (3 m bis 3,7 m); jene für kleinere Zusammenkünfte niedrig (2,15 m bis 2,75 m) und die Zimmer oder Nischen für eine oder zwei Personen sehr niedrig (1,85 in bis 2,15 m).

 Eine Muster Sprache 190 VERSCHIEDENE RÄUMHÖHEN 5

 

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Der Bau von gewölbten Decken sorgt fast automatisch für verschiedene Raumhöhen, da das Gewölbe in ungefähr 2 m Höhe anfängt und um eine weitere Höhe, die einem Fünftel de. Raumdurchmessers entspricht, steigt — GEWÖLBTE DECKEN (219). Wenn sich die Raumhöhe innerhalb eines Geschosse verändert, bau zwischen den verschiedenen Höhen Abstellräume ein — ABSTELLRAUM (145). Entnimm die Form der einzelner Räume mit bestimmten Höhen aus DIE FORM DES INNENRAUMS (191) und DIE KONSTRUKTION FOLGT DEN SOZIALEN RÄUMEN (205); und variiere die Raumhöhe von Geschoß zu Geschoß - die höchsten Räume im Erdgeschoß und die niedrigsten in obersten Geschoß — siehe die Tabelle in VERTEILUNG DER PFEILER (213) ...

 

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