147 GEMEINSAMES ESSEN *

 

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... das folgende Muster bildet eine Abrundung verschiedener ariderer Muster; all jener Gruppen von Menschen und Einrichtungen, die GEMEINSCHAFTSBEREICHE IN DER MITTE (129) haben, vor allem von Werkstätten, Büros und größeren Familienverbänden — DIE FAMILIE (75), SELBSTVERWALTETE WERKSTÄTTEN UND BÜROS (80). In allen diesen Fällen verdankt der Gemeinschaftsbereich seine Anziehungskraft dem gemeinsamen Essen und Trinken. Das folgende Muster bestimmt es in allen Einzelheiten und zeigt auch, wie es zum Entstehen einer größeren sozialen Ordnung beiträgt.

 

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Ohne gemeinsames Essen fällt jede Gruppe von Menschen auseinander.

 

Die Bedeutung gemeinsamen Essens ist in allen menschlichen Gesellschaften unumstritten. Das heilige Abendmahl, Hochzeitsfeste, Geburtstagsfeiern, das Weihnachtsessen, eine irische Totenwache oder das Abendessen in der Familie sind Beispiele aus der westlichen und christlichen Welt, aber Entsprechungen dafür gibt es in jeder Gesellschaft. Es gibt fast keine wichtigen Ereignisse oder Einrichtungen, deren verbindende Kraft und sakraler Charakter nicht auf Essen und Trinken beruht. Die anthropologische Fachliteratur ist voll von Hinweisen darauf. Zum Beispiel: „Fond and Its Vicissitudes: A Cross-Cultural Study of Sharing and Nonsharing", in Yehudi A. Cohen, Social Structure and Personality: A Caseboolc, New York: Holt, 1961. Audrey I. Richards, Hunger and Work in a Savage Tribe: A Functional Study of Nutrition Among the Southern Bantu. Glencoe, all.: Free Press, 1932.

Thomas Merton faßt die Bedeutung gemeinsamen Essens sehr schön zusammen:

Das Wesen eines Festes besteht darin, Leute anzuziehen und sie dazu .zu bringen, alles andere liegen und stehen zu lassen, um an den Freuden des Festes teilzunehmen. Gemeinsam zu feiern bedeutet, Freude an der Gemeinschaft mit den Freunden zu bezeugen. Der bloße Akt des gemeinsamen Essens ist, abgesehen von einem Festmahl oder irgendeinem anderen festlichen Anlass, an sich ein Zeichen von Freundschaft und Gemeinschaft.

Heutzutage wird kaum noch bedacht, daß selbst die gewöhnlichsten Tätigkeiten des täglichen Lebens von Natur aus eine tiefe geistige Bedeutung haben. Der Tisch ist in gewisser Weise der Mittelpunkt des Familienlebens, Ausdruck des Familienlebens. Hier versammeln sich  die Kinder mit ihren Eltern, um zu essen, was die Eltern in Liebe besorgt haben.

Dasselbe gilt auch für ein Festmahl. Das lateinische Wort convivium drückt dieses Mysterium besser aus als unsere Bezeichnungen „Fest: mahl" oder „Fest". Ein Fest als „convivium" zu bezeichnen, heißt; als das „Mysterium des gemeinsamen Lebens" zu verstehen ein Mysterium, bei dem die Gäste an den guten Dingen, die die Gastgeber in Zuneigung zu ihnen vorbereitet haben, mitessen und bei dem die 2 Atmosphäre der Freundschaft und Dankbarkeit dazu führt, daß man' Gedanken und Gefühle teilt, und schließlich in gemeinsam empfundene Freude mündet. (Thomas Merton, The Living idreacl, New York. 1956.:' S. 126-127).

Gemeinsames Essen spielt also in nahezu jeder menschlichen Gesellschaft eine wichtige Rolle, indem es die Menschen enger aneinander bindet und ihr Gefühl, „Mitglied" einer Gruppe zu sein, verstärkt.

Aber neben dieser eigentlichen Bedeutung des gemeinsamen Essens, die Mitglieder einer Gruppe enger aneinander zu binden, gibt es einen weiteren wichtigen Grund für die Beibehaltung dieses Musters; er betrifft speziell die moderne städtische Gesellschaft.

Die städtische Gesellschaft schafft die Möglichkeit, eine wunderbare Vielfalt von Menschen kennenzulernen, eine Möglichkeit, die fast völlig neu in der Geschichte der Menschheit ist, In einer traditionellen Gesellschaft lernt man mit Leuten zu leben, die man kennt — allerdings bilden diese eine relativ geschlossene Gruppe, die kaum stark vergrößert werden kann. In einer modernen städtischen Gesellschaft hat jede Person die Möglichkeit, jene wenigen anderen Menschen in der Stadt zu finden, mit denen er wirklich zusammensein möchte. Theoretisch hat jemand in einer Stadt mit fünf Millionen Einwohnern die Möglichkeit, genau jene Handvoll Menschen kennenzulernen; mit denen er von all den fünf Millionen am liebsten zusammen ist,

Aber das ist nur Theorie, und in der Praxis ist das sehr schwierig. Nur wenige Menschen können mit Überzeugung sagen, die für sie bestmöglichen Gefährten oder informellen Gruppen in ihrer Stadt gefunden zu haben. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall: Die Leute klagen ständig darüber, daß sie nicht genug andere Menschen treffen können, daß es zu wenig Möglichkeiten zum Kennenlernen anderer Menschen gibt. Weit davon entfernt, nach Belieben das Wesen aller anderen in  der Gesellschaft erforschen zu können und nach Wahl mit jenen zusammen zu sein, mit denen die größten natürlichen Gemeinsamkeiten bestehen, fühlen sich die Leute stattdessen gezwungen, mit den wenigen zusammen zu sein, auf die sie zufällig gestoßen sind.

Wie kann das große Potential einer städtischen Gesellschaft genutzt werden? Wie kann eine Person jene anderen Leute treffen, mit denen sie am meisten gemein hat?

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir den Vorgang betrachten, wie jemand in einer Gesellschaft neue Menschen kennenlernt. Die Antwort auf diese Frage beruht auf folgenden drei entscheidenden Annahmen:

  1. Der Vorgang hängt zur Gänze von der wechselseitigen Überschneidung von Gruppen in einer Gesellschaft ab und von der Art, wie jemand diese Gruppen durchwandern und so seine Verbindungen erweitern kann.
  2. Der Vorgang ist nur möglich, wenn die verschiedenen Gruppen in einer Gesellschaft über „Gruppenterritorien" verfügen, wo die Treffen stattfinden können.
  3. Beim Vorgang des Kennenlernens kommt es offensichtlich besonders auf gemeinschaftliches Essen und Trinken an; er funktioniert deshalb am leichtesten in jenen Gruppen, die zumindest teilweise gemeinsames Essen und Trinken eingeführt haben.

Wenn diese drei Annahmen stimmen, wovon wir überzeugt sind, dann leuchtet ein, daß der Vorgang des gegenseitigen Kennenlernens in hohem Maße von der Möglichkeit abhängt, als Besucher und Gast bei gemeinsamen Mahlzeiten von einer Gruppe zur anderen zu wechseln. Und das ist natürlich nur möglich, wenn jede Einrichtung, jede soziale Gruppe regelmäßig eigene gemeinsame Mahlzeiten hat und wenn es ihren Mitgliedern offen steht, zu diesen Mahlzeiten Gäste einzuladen und umgekehrt von diesen Gästen wiederum zum Essen in andere Gruppen eingeladen zu werden.

 

Daraus folgt:

Sieh für jede Einrichtung und jede soziale Gruppe einen Platz vor, wo die Leute gemeinsam essen können. Mach aus der gemeinsamen Mahlzeit eine regelmäßige Einrichtung. Führ vor allem an jeder Arbeitsstätte ein gemeinsames Mittagessen ein, so daß die gemeinsamen Mahlzeit um einen gemeinsamen Tisch herum (nicht aus Schachteln, Automaten oder Tüten) zu einem wichtigen, gemütlichen und täglich stattfindenden Ereignis wird, das auch eingeladenen Gästen offen steht. In unserer eigenen Arbeitsgruppe im Center stellten wir fest, daß das am besten funktioniert, wenn alle abwechselnd kochten. Das Mittagessen wurde so zu einem Ereignis, einem Treffen: etwas, in das jeder, der gerade zum Kochen dran war, seine ganze Liebe und Energie hineinsteckte.

 Eine Muster Sprache 147 GEMEINSAMES ESSEN

 

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Handelt es sich um eine große Einrichtung, dann finde-einen Weg, sie in kleine Gruppen aufzuteilen, die miteinander essen, sodaß keine der Gruppen, die miteinander essen, mehr als ein Dutzend Leute umfaßt - KLEINE ARBEITSGRUPPEN (148), KLEINE BESPRECHUNGSZIMMER (151). Bau die Küche um den Essbereich herum wie eine WOHNKÜCHE (139); mach den Tisch selbst zu einem wichtigen Mittelpunkt - ATMOSPHÄRE BEIM ESSEN (182) ...

 

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