131 VON RAUM ZU RAUM

 

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... neben der durch STUFEN DER INTIMITÄT (127) und GEMEINSCHAFTSBEREICHE IN DER MITTE (129) erzeugten Abstufung der Räume hängt die Wirkung von Innenräumen vor allem davon ab, wie die Zimmer miteinander verbunden sind. Das folgende Muster beschreibt die grundlegendste Methode, Zimmer miteinander zu verbinden. 

 

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Die Verbindung zwischen Zimmern ist mindestens so wichtig wie die Zimmer selbst; ihre Beschaffenheit hat ebenso viel Einfluß auf die sozialen Beziehungen in den Räumen wie das Innere der Zimmer selbst.

 

Die Verbindung zwischen Zimmern, die Verkehrsfläche, kann großzügig oder dürftig angelegt sein. Bei einem Gebäude mit dürftigen Verbindungen sind die Durchgänge dunkel und schmal, die in ihrem Verlauf liegenden Zimmer sind Sackgassen. Wenn man ein derartiges Gebäude betritt oder sich zwischen den einzelnen Räumen hin- und herbewegt, fühlt man sich wie eine im Dunkeln herumirrende Krabbe.

Gänz anders präsentieren sich im Vergleich dazu Gebäude mit großzügigen Verbindungen. Die Verbindungsgänge sind breit und sonnig, haben Sitzgelegenheiten, bieten Aussichten auf Gärten und bilden mit den Zimmern selbst mehr oder weniger ein Kontinuum, so daß der Geruch von Kaminfeuer oder Zigarren, das Geräusch von Gläsern, Geflüster und Gelächter, also alles, was einen Räum mit Leben füllt, auch die Durchgangsbereiche belebt.

Diese beiden Auslegungen der Frage von Raumverbindungen haben völlig unterschiedliche psyschologische Auswirkungen.

Ein komplexes soziales Gefüge setzt sich zwangsläufig aus subtilen menschlichen Beziehungen zusammen. Es ist wichtig, daß jeder ganz nach Belieben entscheiden kann, ob er mit den anderen in Verbindung tritt, ob er sich bewegt, ob er spricht, ob er den Raum wechselt — oder auch nicht. Wenn die räumliche Umgebung ihn hemmt und seine Bewegungsfreiheit einschränkt, so wird sie ihn davon abhalten, die sozialen Situationen in denen er sich befindet, nach seinem Dafürhalten zu verbessern und einen positiven Einfluß auf sie auszuüben.

In einem Gebäude mit großzügigen Erschließungsflächen können sich die Instinkte und Intuitionen eines Menschen voll entfalten. Ein Gebäude mit dürftigen Erschließungsflächen hemmt sie. Die dabei gegebene Trennung der Zimmer macht nicht nur den Wechsel von einem Zimmer ins andere mühsam; sie nimmt auch die Freude an den Momenten, die man zwischen den Räumen verbringt, und kann letzten Endes dazu führen, däß immer weniger Bewegungen stattfinden.

Der folgende Vorfall zeigt, wie wichtig Bewegungsfreiheit für das Leben in einem Gebäude ist. Die Manager eines Industriebetriebs in Lausanne machten folgende Erfahrung: Zur Verbesserung der internen Kommunikation wurden in allen Büros Video-Telephone installiert. Einige Monate später stand der Betrieb kurz vor der Pleite. Ein Managementberater wurde beigezogen und fand schließlich heraus, daß das Problem auf die Video-Telephone zurückzuführen war. Die Mitarbeiter benützten das Video-Telephon, um spezielle Fragen miteinander zu besprechen — was allerdings zur Folge hatte, daß sie in den Vorräumen und Gängen nicht mehr miteinander sprachen; kein "Hallo, wie geht`s, übrigens, was halten Sie von dieser Idee. . .„ Die Organisation fiel auseinander, weil die informellen Gespräche — das Bindemittel, das die Organisation zusammenhielt —zerstört worden waren. Der Berater riet ihnen, die Video-Telephone auf den Müll zu werfen — und seitdem sind alle wieder glücklich.

Dieser Vorfall ereignete sich in einer großen Organisation. Das Prinzip ist aber genauso auf eine kleine Arbeitsgruppe oder Familie anwendbar. Die Möglichkeit kleiner spontaner Unterhaltungen, Gesten, Freundlichkeiten, Erläuterungen zur Klärung eines Mißverständnisses, Witze und Erzählungen sind das Herzblut einer Gruppe von Menschen. Wenn man sie verhindert, wird die Gruppe im selben Maß auseinander fallen, wie sich die persönlichen Beziehungen untereinander allmählich auflösen.

Gebäude mit schlechten Verbindungen erschweren den Menschen mit ziemlicher Sicherheit die Aufrechterhaltung ihres sozialen Gefüges. Langfristig gesehen ist durchaus möglich, daß in einem Gebäude mit schlechten Verbindungen die soziale Ordnung überhaupt zusammenbricht.

Ob Verbindungen großzügig sind, hängt von der allgemeinen Anordnung der Verbindungen in einem Gebäude ab, und nicht vom detaillierten Entwurf einzelner Verbindungsgänge. Deshalb ist eine Verbindung auch dann am großzügigsten; wenn es überhaupt keine Verbindungsgänge gibt, sondern die Verbindung anhand einer Reihe von zusammenhängenden Zimmern mit Türen dazwischen geschaffen wird.

 Eine Muster Sprache 131 VON RAUM ZU RAUM

Noch besser ist eine Schleife, die durch alle wichtigen Zimmer - egal, ob privat oder gemeinschaftlich - führt und ein überaus starkes Gefühl von Großzügigkeit vermittelt. Bei einer Schleife kann man immer in zwei verschiedene Richtungen. gehen. Sie ermöglicht, daß man umhergeht, und verbindet die Räume miteinander. Und wenn eine solche Schleife durch die Zimmer führt (nur an einem Ende, um nicht störend zu wirken), verbindet sie die Räume viel besser miteinander als ein. einfacher Gang.

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Dasselbe trifft auch auf ein Gebäude mit einer Reihe von aufeinanderfolgenden Räumen zu, wenn ein Verbindungsgang parallel zur Zimmerreihe verläuft.

 Eine Muster Sprache 131 VON RAUM ZU RAUM 2

 

Daraus folgt:

Vermeid nach Möglichkeit Gänge und Passagen. Verwend stattdessen öffentliche und gemeinschaftliche Zimmer als Räume für Verbindung und Zusammenkunft. Leg zu diesem Zweck die gemeinschaftlichen Räume so an, daß sie eine Kette oder Schleife bilden, damit man von Zimmer zu Zimmer gehen kann — und damit die Privaträume direkt von dort aus begehbar sind. Verleih den Verbindungen zwischen den Räumen das Gefühl von Großzügigkeit und führ sie in einer großen, breiten Schleife um das Innere des Hauses herum — mit Blick auf Kamine und große Fenster.

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Wenn sich Verbindungsgänge oder Korridore nicht vermeiden lassen, gestalte sie ebenfalls breit und großzügig; und versuch sie auf einer Seite des Gebäudes anzulegen, wo sie viel Licht bekommen - KURZE VERBINDUNGSGÄNGE (132). Statte sie wie Zimmer aus, mit Teppichen, Bücherregalen, bequemen Sesseln und Tischen, gefiltertem Licht, und richte auch den EINGANGSRAUM (130) und DIE STIEGE ALS BÜHNE (133) so ein. Sorg immer dafür, daß die als Verbindung gedachten Räume reichlich Licht und vielleicht eine Aussicht haben - DIE AUSSICHT DES MÖNCHS (134), WECHSEL VON HELL UND DUNKEL (135) und LICHT VON ZWEI SEITEN IN JEDEM RAUM (159). Ordne Türen, die in die Zimmer führen oder zwischen Zimmern liegen und die Bewegung von Raum zu Raum ermöglichen, so an, daß sie in den Ecken der Zimmer hegen - TÜREN IN DEN ECKEN (196) ...

 

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