106 POSITIVER AUSSENRAUM **

 

106.0

... beim Anlegen eines AUSSENRAUMS NACH SÜDEN (105), muß man sich ebenso über die Lage des Gebäudes wie über die Lage des Außenraums klar werden. Die Form des einen ist nicht ohne .die Form. des anderen möglich. Dieses Muster beschreibt die geometrischen Eigenschaften des Außenraums; das nächste - GEBÄUDEFLÜGEL MIT TAGESLICHT (107) - beschreibt die komplementäre Form des Innenraums.

 

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Außenräume, die bloße „Restflächen" zwischen Gebäuden sind, werden im allgemeinen nicht benutzt.

 

Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Arten von Außenraum: negativer Raum und positiver Raum. Außenraum ist 'negativ, wenn er ohne Form ist, der bloße Rest, der übrig bleibt, nachdem Gebäude - die im allgemeinen als positiv angesehen werden - auf dem Gelände platziert sind. Ein Außenraum ist positiv, wenn er eine deutliche und bestimmte Form hat, so bestimmt wie die Form eines Raums, und wenn seine Form ebenso bedeutsam ist wie die Formen der umgebenden Gebäude. Die beiden Arten von Raum haben völlig verschiedene Grundrißgeometrien, die am besten durch die Umkehrung der Figur-Grund-Beziehung zu unterscheiden sind.

Eine Muster Sprache 106 POSITIVER AUSSENRAUM

Wenn man sich den Grundriß einer Bebauung mit negativen Außenräumen anschaut, sieht man die Gebäude als Figur und den Außenraum als Grundfläche. Die Umkehrung ist nicht möglich. Man kann den Außenraum nicht als Figur und die Gebäude nicht als Grund sehen. Wenn man sich den Grundriß einer Bebauung mit positiven Außenräumen anschaut, sieht man die Gebäude als Figur und den Außenraum als Grund  und man sieht auch die Außenräume als Figur gegen den Grund der Gebäude. Die Grundrisse beinhalten eine Figur-Grund-Umkehrung.

Ein anderer Weg, den Unterschied zwischen „positiven" und „negativen" Außenräumen zu erfassen, ist der Grad von Geschlossenheit und der Grad von Konvexität.

In der Mathematik ist ein Raum konvex, wenn die Verbindungslinie zwischen zwei beliebigen Punkten innerhalb des Raums selbst zur Gänze innerhalb des Raums liegt. Er ist nicht konvex, wenn irgendwelche Verbindungslinien von Punkten zumindest teilweise außerhalb des Raums liegen. Nach dieser Definition ist der unregelmäßige grob rechteckige Raum weiter unten konvex und daher positiv; der L-förmige Raum dagegen ist weder konvex noch positiv, weil die Verbindungslinie der beiden Enden die Ecke schneidet und außerhalb des Raums verläuft.

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Positive Räume sind teilweise umschlossen. Zumindest so-. weit, daß ihre Flächen begrenzt erscheinen (wenn das auch tatsächlich nicht der Fall ist, weil es immer hinausführende Wege oder ganze offene Seiten gibt), und die praktisch erscheinende Fläche konvex ist. Negative Räume sind so schlecht definiert, daß man nicht wirklich sagen kann, wo ihre Grenzen sind - und soweit man es sagen kann, sind ihre Formen nicht konvex.

Welche funktionelle Bedeutung hat nun die Unterscheidung zwischen „positiven" und „negativen" Außenräumen? Wir stellen folgende Hypothese auf: Die Menschen fühlen sich' „positiven" „positiven" Räumen wohl und benutzen sie; in „negativen" Räumen fühlen sie sich weniger wohl und lassen sie eher unbenutzt.

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Die umfassendste Begründung für diese Hypothese hat Camillo in Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen (Wien 1889, Reprint Braunschweig: Vieweg, 1983) gegeben. Sitte analysierte eine große Zahl von Plätzen in europäischen Städten, hob jene, die benutzt und lebendig erscheinen, im Gegensatz zu den anderen hervor und versuchte das Gelingen der belebten Plätze zu erklären. Er zeigt an einem Beispiel nach dem anderen, daß die gelungenen — die benutzt werden und den Leuten gefallen — zwei Eigenschaften haben: Einerseits sind sie teilweise umschlossen, andererseits sind sie aber zueinander geöffnet, so daß jeder in einen weiteren führt.

Die Tatsache, daß die Leute sich in einem zumindest teilweise:umschlossenen Raum wohler fühlen, ist schwer zu erklären. Zunächst einmal stimmt es offensichtlich nicht immer. Zum Beispiel fühlen sich doch Menschen an einem offenen Strand oder auf einer welligen Ebene sehr wohl, wo es vielleicht überhaupt keine räumliche Begrenzung gibt. Aus irgendeinem Grund scheint aber in kleineren Außenräumen — Gärten, Parks, Wegen, Plätzen — die räumliche Begrenzung ein Gefühl der Sicherheit zu schaffen.

 

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Vier Beispiele positiver Außenräume.

 

Es scheint, daß das Bedürfnis nach Umschließung, Einfriedung auf unsere primitivsten Instinkte zurückgeht. Wenn jemand zum Beispiel im Freien eine Stelle zum Hinsetzen sucht, wird er kaum exponiert, in der Mitte einer offenen Fläche, sitzen wollen — gewöhnlich sucht er einen Baum, an den er sich lehnen kann, eine Mulde im Boden, einen natürlichen Graben, der ihn teilweise umschließt und schützt. Unsere Studien über den menschlichen Raumbedarf an Arbeitsplätzen zeigen ein ähnliches Phänomen. Für ihr Wohlbefinden braucht eine Person einen gewissen Grad von Abgeschlossenheit um sich und ihre Arbeit, aber nicht zu viel — siehe ABGRENZUNG DES ARBEITSPLATZES (183). Clare Cooper kam in ihrer Studie über Parks zum gleichen Ergebnis: Menschen suchen Stellen, die teilweise geschlossen und teilweise offen sind — nicht zu offen, nicht zu geschlossen (Glare Cooper, Open Space Study, San Francisco Urban Design Study, San Francisco City Planning Dept., 1969).

 

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Platz vor dem Regierungspalais in Nancy.

 

Häufig wird ein positiver Außenraum zusammen mit ande-ren Mustern geschaffen. Das folgende Bild zeigt einen der wenigen Plätze in der Welt, wo ein beträchtlicher Teil des Bauvolumens keinen anderen Zweck hat, als positiven Außenraum zu schaffen. Irgendwie unterstreicht er die Dringlichkeit dieses Musters.

Wenn ein Außenraum negativ — etwa L-förmig — ist, kann man immer kleine Gebäude, Gebäudevorsprünge oder Mauern so anordnen, daß der Raum in positive Teile zerlegt wird.

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Und wenn ein bestehender Außenraum zu abgeschlossen ist, kann man vielleicht das Gebäude aufbrechen, um den Raum zu öffnen.

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Daraus folgt:

Mach alle Außenräume, die deine Gebäude umgeben und zwischen ihnen liegen, positiv. Gib jedem einen gewissen Grad von Abgeschlossenheit; umgib jeden Raum mit Gebäudeflügeln, Bäumen, Hecken, Zäunen, Arkaden und Laubenwegen, bis er eine Ganzheit mit einer positiven Qualität wird und nicht unklar an irgendwelchen Ecken ausläuft.

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Form die Außenräume durch GEBÄUDEFLÜGEL MIT TAGS LICHT (107). Benutz Laubenwege, Mauern und Bäume, um zu exponierte Räume abzuschließen — PLÄTZE UNTER BÄUMEN (171), GARTENMAUER (173), LAUBENWEG (174); aber erhalte jedem Raum immer eine Öffnung zu einem größeren, so daß er nicht zu abgeschlossen ist — HIERARCHIE DER AUSSENRAUME (114). Benutz auch die GEBÄUDEFRONTEN (122) zur Bildung der Raumgestalt. Ergänze den positiven Charakter des Freiraums  durch nutzbare Stellen an allen Gebäudekanten und behandle also den Freiraum mit der gleichen Sorgfalt wie die Gebäude — GEBÄUDEKANTE (160). Zieh dieses Muster heran für BELEBTE INNENHÖFE (115), DACHGÄRTEN (118), DIE FORM VON WEGEN (121), ZIMMER IM FREIEN (163), WILDWACHSENDER GARTEN (172) ...

 

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