44 LOKALES RATHAUS *

 

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... entsprechend der GEMEINDE VON 7000 (12) teilt sich das politische und wirtschaftliche Leben der Stadt in kleine, selbst verwaltete Gemeinden. In diesem Fall brauchen die lokalen Verwaltungsvorgänge eine wirkliche Arbeitsstätte; und diese Arbeitsstätte kann durch ihre Anlage und ihren Standort als baulicher und sozialer Mittelpunkt zum Entstehen und zur Aufrechterhaltung der GEMEINDE VON 7000 viel beitragen.

 

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Lokale Gemeindeverwaltung und lokale Einflußnahme durch die Bewohner wird es nur geben, wenn jede Gemeinde wirklich ihr eigenes Rathaus hat, das den Kern ihrer politischen Aktivität bildet.

 

In MOSAIK AUS SUBKULTUREN (8), GEMEINDE VON 7000 (12) und IDENTIFIZIERBARE NACHBARSCHAFT (14) haben wir dargelegt, daß jede Stadt aus selbst verwalteten Gruppen bestehen muß, und zwar auf zwei verschiedenen Ebenen: den Gemeinden mit einer Bevölkerung von 5000 bis 10.000 und den Nachbarschaften mit einer Bevölkerung von 200 bis 1000.

Diese Gruppen werden nur dann genügend politische Kraft für ihre eigenen, örtlich bestimmten Pläne haben, wenn sie einen Anteil der von ihren Bewohnern erbrachten Steuern verwalten und wenn die Mitglieder der Gruppen eine echte, tägliche Zugangsmöglichkeit zur örtlichen Verwaltung haben, von der sie vertreten werden. Beides erfordert, daß jede Gruppe ihren eigenen — auch noch so bescheidenen — Verwaltungssitz hat, wo sich die Leute aus der Nachbarschaft wohlfühlen und wo sie etwas erreichen können.

Das daraus entstehende bauliche Bild einer Stadtverwaltung ist genau das Gegenteil von den riesigen Rathäusern, die in den letzten 75 Jahren gebaut wurden. Ein lokales Rathaus würde zwei wesentliche Eigenschaften haben:

1. Es ist öffentliches Gemeindegebiet der Gruppe, die dort vertreten wird. Es ist so angelegt, daß es Leute zur spontanen Mitarbeit, zur politischen Debatte einlädt. Der Freiraum um das Gebäude ist so gestaltet, daß er Leute, die sich dort versammeln oder aufhalten, verträgt.

2. Es liegt im Herzen der örtlichen Gemeinde und ist zu Fuß für jeden, der dort vertreten wird, erreichbar.

 

1. Das Rathaus als Gemeindeterritorium.

An der Schwäche der Gemeindeverwaltung ist zum Teil der politische Stil schuld, den die Rathausbürokratien schaffen und aufrechterhalten. Aber — so glauben wir — diese Situation wird weitgehend ermöglicht und unterstützt durch den baulichen Charakter des Rathauses. Mit anderen Worten, die bauliche Präsenz eines Rathauses untergräbt die örtliche Gemeindeverwaltung, auch wenn die Rathausbediensteten der Idee der „Nachbarschaftspartizipation" wohlwollend gegenüberstehen.

Der Schlüssel zum Problem liegt in der Erfahrung der Machtlosigkeit auf Gemeindeebene. Wenn jemand ins Rathaus geht, um in einer Nachbarschafts- oder Gemeindeangelegenheit etwas zu unternehmen, ist er von Anfang an in der Defensive: das Gebäude und die Bediensteten des Rathauses dienen der ganzen Stadt; sein Problem ist sehr klein im Vergleich zu den Problemen der Stadt als ganzer. Außerdem ist jeder sehr beschäftigt und abweisend. Er soll Formulare ausfüllen und sich Termine geben lassen, obwohl vielleicht die Beziehung dieser Formulare und Termine zu seinem Problem nicht sehr klar ist. Bald fühlen sich die Leute in den Nachbarschaften weiter und weiter vorn Rathaus entfernt, d. h. auch entfernt vom Zentrum der Beschlußfassung und von den Beschlüssen selbst, die schließlich ihr Leben beeinflussen. Rasch entsteht ein Syndrom der Machtlosigkeit.

In einer früheren Veröffentlichung haben wir Beweismaterial zum Wachstum dieses Syndroms vorgestellt (A Pattern Lan-guage Which Generates Multi-Service Centers, Center for Environmental Structure, Berkeley, 1968, S. 80-87). Dort entdeckten wir, daß zentralisierte Dienstleistungsprogramme sehr wenige Menschen in den Zielgebieten erreichten; das Personal dieser Zentren nahm rasch eine Beamtenmentalität an, auch wenn es eigens zur Unterstützung von Nachbarschaftsprogrammen ausgewählt worden war. Was am schädlichsten war: die Zentren selbst wurden als fremde Orte betrachtet, und sie in Anspruch zu nehmen, war im ganzen eine lähmende Erfahrung.

Wie alle Syndrome kann dieses nur gebrochen werden, wenn es gleichzeitig an verschiedenen Fronten angegriffen wird. Das heißt zum Beispiel: man organisiert die Nachbarschaften und Gemeinden, um die Kontrolle über die sie betreffenden Funktionen zu übernehmen; man revidiert die Stadtverfassungen, um örtlichen Gruppen Macht zu übertragen; man schafft Orte in Gemeinden und Nachbarschaften, die als Basis für die Festigung dieser Macht dienen — die lokalen Rathäuser.

Wie könnten diese lokalen Rathäuser aussehen, wenn sie wirklich das Machtlosigkeitssyndrom brechen sollen?

Man kann beweisen, daß Menschen ihre Bedürfnisse artikulieren können und wollen, wenn man ihnen den richtigen Rahmen und die richtigen Mittel gibt. Diesen Rahmen zu schaffen, geht Hand in Hand mit der Organisation der Gemeinde. Wenn das lokale Rathaus zur Quelle wirklicher Macht der Nachbarschaft werden soll, muß es zum Organisationsprozeß der Gemeinde beitragen. Das bedeutet im wesentlichen, daß das Gebäude um den Prozeß der Gemeindeorganisation herum errichtet wird und daß der Ort eindeutig als Gemeindeterritorium erkennbar ist.

Wenn wir die Idee der Gemeindeorganisation und des Gemeindeterritoriums ins Bauliche übersetzen, ergeben sich zwei räumliche Elemente: eine Arena und eine Zone für Gemeindeprojekte.

Die Gemeinde braucht ein öffentliches Forum, mit einer Tonanlage, Bänken, Wänden, um etwas aufzuschreiben, einen Ort, wo die Leute sich frei versammeln können: einen Ort, der der Gemeinde gehört, wo die Leute von selbst hingehen, wenn sie glauben, daß in einer Sache etwas getan werden sollte. Dieses öffentliche Forum nennen wir Arena.

Außerdem braucht die Gemeinde einen Ort, wo den Leuten Schaufenster, Arbeitsraum, Besprechungszimmer, Büroeinrichtung zur Verfügung stehen. Wenn eine Gruppe etwas unternehmen will, braucht sie Schreibmaschinen, Kopierer, Telefone etc., um ein Projekt auf die Beine zu stellen und Gemeindeunterstützung auf breiterer Basis zu erringen - und dafür braucht man billige und leicht zugängliche Büroflächen. Diese Flächen nennen wir die Zone der Gemeinschaftsprojekte - siehe KRANZ VON GEMEINSCHAFTSPROJEKTEN (45).

 

2. Der Standort des lokalen Rathauses.

Wenn die Leute in diese lokalen Rathäuser kommen sollen, muß man die Frage ihrer Standorte sorgfältig überlegen. Aufgrund früherer Arbeiten über den Standort von Dienstleistungszentren sind wir überzeugt, daß schlecht situierte Rathäuser zugrunde gehen können: in Gemeinschaftszentren, die an größeren Kreuzungen liegen, kommen zwanzigmal soviel Menschen wie in solche, die zwischen Wohnblöcken versteckt sind.

Die folgende Tabelle zeigt z. B. die Anzahl von Menschen, die in ein Dienstleistungszentrum kamen, als es an einer Wohnstraße lag, im Vergleich mit der Zahl von Menschen, die kamen, nachdem es auf eine Hauptgeschäftsstraße verlegt wurde, nahe einer wichtigen Fußgängerkreuzung.

 

  Zahl der unangemeldeten Besucher pro Tag Zahl der Besucher mit Terminen pro Tag
Vor dem Umzug 1-2 15-20
2 Monate nach dem Umzug 15-20 ca. 50
6 Monate nach dem Umzug ca. 40 ca. 50

Einzelheiten dieser Untersuchung sind in A Pattern Language Which Generates Multi-Service Centers (S. 70 —73) enthalten. Wir zogen dort den Schluß, - daß Gemeinschaftszentren einen Block von wichtigen Fußgängerkreuzungen entfernt sein können, daß sie aber bei größerer Entfernung als örtliche Dienstleistungszentren praktisch ausfallen.

Diese Information muß den verschiedenen Maßstäben der Nachbarschaft und der Gemeinde angepaßt werden. In einer Nachbarschaft von 500 stellen wir uns das Nachbarschaftsrathaus als etwas ganz kleines und informelles vor; vielleicht nicht einmal ein eigenes Gebäude, sondern ein Zimmer mit einem anliegenden Freiraum, an einer wichtigen Ecke der Nachbarschaft. In einer Gemeinde von 7000 braucht man etwas mehr: ein Gebäude in der Größe eines großen Einfamilienhauses, mit einem Außenbereich, der als Forum und Versammlungsplatz ausgebildet ist, und zwar an der Hauptpromenade der Gemeinde.

 

Daraus folgt:

Zur Verwirklichung einer örtlichen Politik für örtliche Funktionen richte für jede Gemeinde von 7000 und sogar für jede Nachbarschaft ein kleines Rathaus ein;leg es in die Nähe der belebtesten Kreuzung der Gemeinde. Teil das Gebäude in drei Teile: eine Arena für öffentliche Diskussion, öffentliche Dienstleistungen außen um die Arena herum und Mietfläche für spontane Gemeinschaftsprojekte.

Eine Muster Sprache 44 LOKALES RATHAUS

 

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Leg die Arena so, daß sie das Herz der Gemeinde an einer Kreuzung bildet; mach sie klein, sodaß eine Menge dort leicht zusammenfinden kann - KNOTEN DER AKTIVITÄT (30), KLEINE PLÄTZE (61), FUSSGÄNGERDICHTE (123). Halt die öffentlichen Dienstleistungen um diesen Platz so klein wie möglich - KLEINE UNBÜROKRATISCHE DIENSTLEISTUNGEN (81); und sieh genug Platz für Gemeinschaftsprojekte vor, in einem Ring um das Gebäude, sodaß sie die Außenansicht des Rathauses bilden KRANZ VON GEMEINSCHAFTSPROJEKTEN (45) ...

 

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