31 PROMENADE **

 

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... wir haben nun ein städtisches Gebiet, unterteilt in Subkulturen und Gemeinden mit den entsprechenden Grenzen. Jede Subkultur im MOSAIK AUS SUBKULTUREN (8) und jede GEMEINDE VON 7000 (12) hat als Rückgrat eine Promenade. Jede Promenade trägt zur Bildung von KNOTEN DER AKTIVITÄT (30) in ihrem Verlauf bei, indem sie jene Fußgängerfrequenz schafft, die die Aktivitätsknoten zum Überleben brauchen.

 

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Jede Subkultur braucht für ihr öffentliches Leben ein Zentrum: einen Ort, wo man hingehen kann, um Leute zu sehen und selbst gesehen zu werden.

Die Promenade, „paseo", „passegiata", „evening stroll", der Abendspaziergang ist in den kleinen Städten Italiens, Spaniens, Mexikos, Griechenlands, Jugoslawiens, Siziliens und Südamerikas eine feste soziale Einrichtung. Die Leute gehen dort auf und ab, um Freunde zu treffen, Fremde zu bestaunen und sich von fremden bestaunen zu lassen.

Die ganze Geschichte hindurch hat es in der Stadt Orte :gegeben, wo Menschen, die ein gemeinsames Wertsystem hatten, in Verbindung treten konnten. Diese Orte haben immer den Charakter eines Straßentheaters gehabt: sie veranlassen Leute, andere zu beobachten, umherzuschlendern, sich in Geschäften umzusehen und sich herumzutreiben:

Mexiko, auf jedem Platz einer Kleinstadt, spazieren jeden Donnerstag und Sonntagabend bei mildem Wetter zur Musik einer Kapelle die ;:Junge in der einen Richtung, die Mädchen in der anderen, immer Lieder rundherum; und die Mütter und Väter sitzen auf Schmiedeeisenbänken und schauen zu. (Ray Bradbury, „The girls walk this way; the Boys walk that way .." West, Los Angeles Times, Sunday Magaizine, 5. April 1970.)

 

Die Schönheit der Promenade an diesen Orten besteht einfach darin, daß Menschen mit einer gemeinsamen Lebensart zusammenkommen, um miteinander zu verkehren und ihre Gemeinschaft zu bestätigen.

Ist die Promenade wirklich eine rein südländische Einrichtung? Aufgrund unserer Versuche bezweifeln wir das. Freilich st diese Art des Herumschlenderns auf der Promenade in einer Stadt nicht gebräuchlich, und besonders ungebräuchlich in einem ausgebreiteten Stadtgebiet. Aber Versuche von Luis Racionero im Department of Architecture an der University of California, Berkeley, haben gezeigt, daß, wo eine solche öffentliche Kontaktmöglichkeit überhaupt besteht, die Leute sie aufsuchen werden, wenn sie nicht zu weit entfernt ist. Racionero interviewte 37 Leute in verschiedenen Stadtteilen San Franciscos, die in verschiedenen Entfernungen von einer Promenade lebten und stellte fest, daß Leute innerhalb einer Entfernung von 20 Minuten sie aufsuchten, nicht aber Leute, die weiter als 20 Minuten entfernt wohnten.

  benützen die Promenade benützen die Promenade nicht
Menschen, die weniger als 20 Minuten entfernt wohnen 13 1
Menschen, die mehr als 20 Minuten entfernt wohnen 5 18

Möglicherweise haben Menschen aus allen Kulturen ein generelles Bedürfnis nach jener Art von Begegnung, den eine Promenade bietet; aber wenn sie zu weit entfernt ist, überwiegt die Anstrengung den Einfluß des Bedürfnisses. Kurz, damit alle Menschen in einer Stadt dieses Bedürfnis befriedigen können muß es Promenaden in kurzen Abständen geben.

In welchen Abständen sollten sie genau sein? Racionero stellt 20 Minuten als Obergrenze auf, aber seine Untersuchung geht; nicht auf die Häufigkeit des Besuchs ein. Es liegt auf der Hand, daß die Leute die Promenade umso öfter benutzen werden, je näher sie ist. Wir vermuten, daß eine Promenade in einer Entfernung von 10 Minuten oder weniger häufig benutzt wer. den wird - vielleicht sogar 1 oder 2 mal in der Woche.

Die Beziehung zwischen dem Einzugsbereich der Promenade und der tatsächlichen gepflasterten Fläche der Promenade selbst ist besonders kritisch. In FUSSGÄNGERDICHTE (123) zeigen wir, daß Orte mit weniger als einer Person auf 15-30 m² gepflasterter Fläche als tot und wenig einladend empfunden werden. Man muß daher sicher sein, daß die Anzahl der Leuten, die typischerweise auf der Promenade spazieren, groß genug ist, diese Fußgängerdichte in ihrem Verlauf aufrecht zu erhalten. Wir prüfen diese Relation mit folgender Rechnung:

Ein 10-Minuten-Spaziergang entspricht etwa 500 m (50m/Miunute), was wahrscheinlich auch die richtige Länge für die Promenade selbst ist. Das heißt, daß der Einzugsbereich einer Promenade ungefähr diese Form hat:

Eine Muster Sprache 31 PROMENADE

Diese Fläche umfaßt etwa 130ha. Wenn wir eine durchschnittliche Dichte von 125 Einwohnern/ha annehmen, dann enthält das Gebiet etwa 16.000 Menschen. Wenn ein Fünftel dieser Bevölkerung die Promenade einmal in der Woche während einer Stunde zwischen 18.00 Uhr und 22.00 Uhr benützt, dann gibt es zu jedem beliebigen Zeitpunkt in diesem Zeitabschnitt etwa 100 Menschen auf der Promenade. Wenn sie 500 m lang ist, kann sie also — bei 30 m²/Person — höchstens 6 m breit sein. Besser wäre es, wenn sie nicht viel über 3 m breit wäre. Das wäre gerade noch machbar.

Wir sehen also, daß eine 500 m lange Promenade mit dem angegebenen Einzugsbereich und der angegebenen Bevölkerungsdichte eine lebendige Dichte und Aktivität aufrechterhalten könnte, wenn sie nicht breiter als etwa 6 m ist. Wir betonen nochmals, daß eine Promenade nicht funktioniert, wenn die Fußgängerdichte nicht ausreicht, und daß eine Berechnung dieser Art immer gemacht werden muß, um ihre Ausführbarkeit zu überprüfen.

Die genannten Zahlen gelten bloß als Beispiele. Sie geben eine grobe Größenordnung für Promenaden und deren Einzugsbereiche an. Wir haben aber schon gelungene Promenaden für eine Bevölkerung von 2000 (ein Fischerdorf in Peru) und für 2 Millionen (Las Ramblas in Barcelona) gesehen. Beide funktionieren, obwohl ihr Charakter ganz verschieden ist. Die kleine mit ihrem Einzugsbereich von 2000 funktioniert, weil die kulturelle Verankerung des „paseo" dort so stark ist, daß ihn ein höherer Prozentsatz der Bewohner öfter verwendet. Auch die Dichte der Menschen auf der Promenade ist geringer als wir annehmen würden — sie ist so schön, daß die Leute sie auch genießen, wenn sie nicht überfüllt ist. Die große mit dem Einzugsbereich von 2 Millionen funktioniert als Veranstaltung der ganzen Stadt. Die Leute sind bereit, weit zu fahren — vielleicht kommen sie nicht so oft, aber wenn doch, so ist es die Fahrt wert. Die Promenade ist erregend, dicht gedrängt, wimmelnd von Menschen.

Wir stellen uns das Muster der Promenaden in einer Stadt genau in dieser Vielfalt vor — in einer Spannweite, die von kleinen örtlichen Promenaden für 2000 Menschen bis zu großen konzentrierten für die ganze Stadt reicht —, jede mit anderem Charakter und anderer Aktionsdichte.

Was macht schließlich eine gelungene Promenade aus? Da die Leute kommen, um Leute zu sehen und um gesehen zu werden, braucht eine Promenade eine hohe Fußgängerdichte. Sie muß also mit Orten in Verbindung stehen, die an sich schon Leute anziehen, etwa Gruppen von kleinen Geschäften und Gastlokalen.

 

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Eine Promenade in Paris.

 

Außerdem gehen die Leute leichter spazieren, wenn sie ein „Ziel" haben, auch wenn der wirkliche Grund mehr im Sehen und Gesehenwerden liegt. Dieses Ziel kann ein wirkliches sein, wie eine Imbißstube oder ein Cafe oder ein irgendwie vorgestelltes, „gehen wir um den Block". Die Promenade muß jedenfalls ein starkes Ziel darstellen.

Es ist auch wichtig, daß man zwischen den wichtigsten Punkten entlang der Promenade nicht zu weit gehen muß. Aus zwanglosen Beobachtungen schließen wir, daß ein Punkt, der mehr als 50 m vorn Geschehen entfernt ist, uninteressant wird. Kurz, gute Promenaden sind Teil eines Weges durch die aktivsten Punkte einer Gemeinde; sie sind geeignete Zielpunkte für .einen Abendspaziergang; dieser Spaziergang ist nicht zu lang und nirgends öde: keine Stelle des Weges ist weiter als 50 m vom Geschehen entfernt.

Verschiedene Einrichtungen können als Ziele entlang der Promenade funktionieren: Eisdielen, Imbißstuben, Kirchen, öffentliche Gärten, Kinos, Bars, Ballspielplätze. Ihre Anziehungskraft hängt davon ab, inwieweit sie Leute zum Bleiben veranlassen können: Erweiterungen des Weges, Schatten von Bäumen, Mauern zum Anlehnen, Stiegen, Nischen und Bänke zum Sitzen, die Öffnung der Front für ein Straßencafe, Schaustellung von Vorgängen oder Waren, wo Leute gerne herumstehen.

 

Daraus folgt:

Fördere im Inneren der Gemeinde die schrittweise Entstehung einer Promenade, die die Hauptknoten der Aktivität verbindet und so liegt, daß sie in 10 Minuten Fußweg von jedem Punkt der Gemeinde erreichbar ist. Leg Hauptattraktionspunkte an die beiden Enden, um eine ständige Hin- und Her-Bewegung aufrechtzuerhalten.

Eine Muster Sprache 31 PROMENADE 1

 

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Egal, wie lang die Promenade ist, es müssen genug Leute kommen, um sie mit dichter Aktivität zu füllen. Dies kann nach der Formel von FUSSGÄNGERDICHTE (123) genau berechnet werden. Ein Hauptmerkmal der Promenade sind Aktivitätskonzentrationen entlang ihrer Ausdehnung - KNOTEN DER AKTIVITÄT (30); einige davon werden natürlich auch nachts offen sein - NACHTLEBEN (33); irgendwo an der Promenade wird eine Konzentration von Geschäften sein - EINKAUFSSTRASSE (32). Zu sehr großen Promenaden wird auch der VERGNÜGUNGSPARK (58) und TANZEN AUF DER STRASSE (63) passen. Die baulichen Detaileigenschaften der Promenade sind in FUSSGÄNGERSTRASSE (100) und DIE FORM VON WEGEN (121) angegeben ...

 

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