208 ERST LOSE, DANN STARR **

 

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... in DIE KONSTRUKTION FOLGT DEN SOZIALEN RÄUMEN (205) und RATIONELLE KONSTRUKTION (206) haben wir den Ansatz einer Philosophie, eine Einstellung zum Bauen dargelegt. GUTE: BAUSTOFFE (207) sagt uns etwas über die Materialien, die wir verwenden sollten, um humanen und ökologischen Anforderungen zu entsprechen. Jetzt müssen wir, bevor wir mit der: praktischen Aufgabe des Konstruktionsschemas für ein Gebäude beginnen, ein weiteres philosophisches Muster in Betracht ziehen: Es definiert den Bauprozess, durch den die Anwendung eines richtigen konstruktiven Gesamtkonzeptes und der richtigen Baustoffe überhaupt möglich macht.

 

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Der Anwendung von Muster-Sprachen liegt die Philosophie zugrunde, daß Gebäude individuellen Bedürfnissen und Bauplätzen jeweils einzeln angepaßt sein sollten - und daß die Pläne von Gebäuden eher lose und veränderlich sein sollten, damit sie auf diese Feinheiten eingehen können.

 

Dies erfordert eine völlig neue Einstellung gegenüber den Bauvorgang. Diese Einstellung könnte man so beschreiben: Ein Gebäude sollte so errichtet werden, daß es zu Anfang lose und schwach ist, während der Plan noch Änderungen erfährt, und erst dann während des Bauvorganges schrittweise ausgesteift wird, sodaß jede zusätzliche Baumaßnahme die Konstruktion fester macht.

Um diese Philosophie richtig zu verstehen, kann man:sich den Bau wie die Herstellung eines Korbes vorstellen. Einige Ruten werden in die richtige Lage gebracht. Sie sind sehr lose. Weitere Ruten werden eingeflochten. Allmählich wird der Korb steifer und steifer. Die Festigkeit des fertigen Korbes wird erst durch das Zusammenwirken aller Teile erreicht, nicht bevor der Bau abgeschlossen ist. In diesem Sinn entsteht durch einen solchen Prozess ein Gebäude, in dem alle Teile konstruktiv wirken - siehe RATIONELLE KONSTRUKTION (206).

Warum ist das Prinzip des schrittweise erfolgenden Aussteifens so sinnvoll für den Bauprozeß?

Zunächst ermöglicht eine solche Konstruktion, daß der tätsächliche Baufortgang eine schöpferische Tätigkeit ist. Sie erlaubt, daß das Gebäude schrittweise errichtet wird. Die Teile können ihren Platz wechseln, bevor sie fest eingebaut werden. All die detaillierten Entwurfsentscheidungen, die man nie im voraus auf dem Papier ausarbeiten kann, können nun während des Bauvorganges getroffen werden. Man kann den Raum in drei Dimensionen als Ganzes sehen, Schritt für Schritt, während mehr und mehr Material hinzukommt.

Da jedes im Bauvorgang neu hinzukommende Material sich vollkommen dem bereits gegebenen Rahmen anpassen muß, bedeutet das, daß jedes weitere Material anpassungsfähiger, flexibler ist, besser geeignet, mit Veränderungen fertig zu werden, als das vorige. Während also das Gebäude im Ganzen vom Schwachen zum Festen geht, gehen in Wirklichkeit die hinzugefügten Baustoffe von den stärksten und steifsten schrittweise zu den weniger steifen, bis schließlich flüssige Materialien hinzukommen.

Das Wesen dieses Prozesses ist wirklich sehr entscheidend. Am besten verstehen wir es, wenn wir die Arbeit eines 50jährigen Tischlers mit der eines Anfängers vergleichen. Der erfahrene Tischler macht immer weiter. Er muß nicht immer wieder aufhören, denn jede Aktion, die er ausführt, ist so berechnet, daß eine spätere Aktion sie genau in dem Maße berichtigen kann, wie sie jetzt unvollkommen ist. Worum es geht, ist die Abfolge der Ereignisse. Der Tischler macht nie einen Schritt, den er später nicht ausbessern kann; deshalb kann er immer weiter arbeiten, stetig und ohne Bedenken.

Der Anfänger verbringt im Vergleich viel Zeit damit, sich auszudenken, was zu tun ist. Er weiß, daß eine Handlung, die er jetzt unternimmt, später unwiderrufliche Folgen haben kann; wenn er nicht aufpaßt, wird er vielleicht auf eine Verbindung stoßen, deretwegen man einen wichtigen Teil kürzen muß — in einer Phase, in der es dazu zu spät ist. Die Furcht vor solchen Fehlern zwingt ihn zu stundenlangem voraus überlegen; und sie zwingt ihn, so weit wie möglich nach exakten Zeichnungen zu arbeiten, die ihm die Vermeidung solcher Fehler garantieren.

Der Unterschied zwischen dem Anfänger und dem Meister ist einfach der, daß der Anfänger noch nicht gelernt hat, so zu arbeiten, daß er sich kleine Fehler leisten kann. Der Meister weiß, daß die Abfolge seiner Schritte ihm stets erlauben wird, seine Fehler etwas später aufzufangen. Es ist dieses einfache, aber grundlegende Wissen, das der Arbeit eines Tischlermeisters ihre wunderbare, sanfte, entspannte, fast unbekümmerte Einfachheit verleiht.

In einem Gebäude haben wir genau das gleiche Problem, nur in größerem Maßstab. Im wesentlichen hat modernes Bauen den Charakter der Arbeit eines Anfängers, nicht eines Meisters. Die Leute vorn Bau verstehen es nicht, entspannt zu sein, durch spätere genauere Arbeit mit früheren Fehlern fertig zu werden; sie kennen keine richtige Abfolge der Vorgänge; sie haben im allgemeinen kein Bausystem, kein Konstruktionsverfahren, das diese entspannte und lässige Weisheit entstehen läßt. Stattdessen arbeiten sie wie der Anfänger streng nach genau detaillierten Zeichnungen; das Gebäude ist weitgehend unflexibel, während es entsteht; jedes Abweichen von den genauen Zeichnungen kann zu schweren Problemen führen und sogar das Herausreißen ganzer Teile erforderlich machen.

Diese anfängerhafte und angsterfüllte Sorge um das Detail hat zwei sehr ernste Folgen. Erstens verbringen die Architecten - wie Anfänger - viel Zeit damit, die Dinge vor der Zeit auszuarbeiten, statt ruhig und fließend zu bauen. Natürlich kostet das Geld; und dadurch entstehen diese maschinenähnlichen, „perfekten" Gebäude. Die zweite, weit ernstere Folge: die Details kontrollieren das Ganze. Die Schönheit und Subtilität des Planes, in dem die einzelnen Muster frei den Entwurf beherrscht haben, werden eingeengt und vernichtet, weil man zuläßt, daß die Details von Verbindungen und Bauteilen den Grundriß beherrschen - aus Furcht, sie könnten später nicht lösbar sein. Als Folge davon bekommen Räume eine leicht falsche Form, Fenster rücken aus ihrer Position, Abstände zwi.chen Türen und Wänden werden gerade so weit verändert, daß sie nicht verwendbar sind. Mit einem Wort: der durchgehende Charakter moderner Architektur, nämlich die Beherrschung des größeren Raumes durch läppische Baudetails, setzt: sich durch.

Erforderlich ist das Gegenteil: ein Prozess, in dem Details sich:. in das Ganze fügen. Das ist das Geheimnis des Tischlermeisters; es ist ausführlich in The Timeless Way of Building als die Grundlage aller organischen Form und jedes richtigen Bauens beschrieben. Der Prozess des schrittweise erfolgenden Aussteifens, den wir hier beschreiben, ist baulich und in der Vorgangsweise die Verkörperung dieses wesentlichen Prinzips. Wir müssen uns nun fragen, wie es praktisch möglich ist, eine schrittweise ausgesteifte Konstruktion im Zusammenhäng mit dem Muster GUTE BAUSTOFFE (207) zu schaffen.

Wir gehen von materialspezifischen Tatsachen aus.

  1. Baustoffe in Platten sind leicht zu produzieren und ergeben die besten Verbindungen.

    In traditionellen Gesellschaften gibt es kaum Baustoffe in Platten. Die industrielle Produktion stellt Platten jedoch leichter her als andere Formen von Halbfabrikaten. Je mehr wir uns in die Richtung der Massenproduktion bewegen, desto vielfältiger werden Plattenmaterialien, die von sich aus fest, leicht und billig sind. Gipskarton, Sperrholz, Gewebe, Vinyl, Jute, Glasfaser, Spanplatten, Holzdielen, Wellblech, Maschendraht sind solche Beispiele.

    Und Platten ergeben die festesten Verbindungen. Verbindungen sind die schwachen Punkte in einer Konstruktion. Baustoffe in Platten sind leicht zu verbinden, weil in den Verbindungen Flächen aufeinander treffen. Was aus Platten gemacht ist, ist naturgemäß stärker als das, was aus Klötzen oder Stäben gemacht ist.

  2. Leichtbeton ist ein ausgezeichnetes Füllmaterial — er hat die Dichte des Holzes, ist fest, leicht, leicht zu schneiden, leicht zu reparieren, leicht zu nageln — und steht überall zur Verfügung. Das wird ausführlich in GUTE BAUSTOFFE (207) behandelt.
  3. Allerdings braucht jede Art von Beton eine Schalung; und Schalungskosten sind sehr hoch.

    Deshalb ist tatsächlich der Bau jeder komplizierten Form sehr teuer; und innerhalb konventioneller Bauverfahren schließt es die von uns beschriebene Art „organischer" Konstruktion mehr oder weniger aus. Außerdem ist bei normaler Betonherstellung die Schalung letzten Endes verloren, wird weggeworfen.

    Wir glauben, daß in einem vernünftigen Bausystem die Oberflächen mit dem Bauprozess und der Konstruktion selbst integriert sein sollte (wie sie es in fast allen traditionellen Bauten sind) und daß ein Bausystem, das die Oberflächen dem Bau „hinzufügen" muß, unökonomisch und unnatürlich ist.

  4. Wir schlagen daher vor, Leichtbeton in Formen aus leicht erhältlichen Plattenbaustoffen zu gießen, und daß diese Plattenbaustoffe dann an Ort und Stelle verbleiben und die Oberflächen bilden.

    Die Plattenbaustoffe können jede Kombination von Geweben, Jute, Holzbretter, Gipskartonplatten, Faserplatten, Sperrholz, Pappe, verputzer Maschendraht, Wellblech und — wo es möglich ist — Fliesen, Ziegel oder Stein sein: siehe GUTE BAUSTOFFE (207). Als Zuschlagstoff für den Leichtbeton empfehlen wir Perlit, Blähton oder Bims. Gestampfte Erde, luftgetrocknete Ziegel, nicht chlorhältige Schäume können statt des Betons verwendet werden, wenn die Belastungen es erlauben.208.1mit Text

    Die Zeichnung zeigt eine Form der Ausführung einer solchen schrittweise erfolgenden Aussteifung. Aber das Prinzip ist weitaus allgemeiner als dieser besondere Fall. In Wirklichkeit kommt es in der einen oder anderen Form in fast allen traditionellen Bauweisen vor. Eskimo-Iglu- und afrikanische Korbkonstruktionen sind beide schrittweise ausgesteifte Konstructionen, wo jeder weitere Schritt auf den bereits bestehenden Rahmen aufbaut, ihn ergänzt und aussteift. Die Steingebäude von Alberobello in Süditalien sind auch Beispiele dafür, ebenso der Elisabethanische Fachwerkbau.

 

Daraus folgt:

Mach dir klar, daß du ein Gebäude nicht aus Teilen eines Baukastens zusammensetzt, sondern daß du eine Konstruktion wie ein Gewebe errichtest: sie ist zu Beginn im großen und ganzen vollständig, aber noch wackelig; dann wird sie schrittweise ausgesteift, ist aber immer noch nicht ganz fest; erst am Schluß wird sie vollständig starr und fest.

Wir glauben, daß für unsere Zeit die natürlichste Version dieses Prinzips darin besteht, eine Schale aus Plattenbaustoffen zu errichten und sie dann mit druckfestem Füllmaterial zu verfestigen.

 Eine Muster Sprache 208 ERST LOSE DANN STARR 1

 

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Wähl für die äußere Schale möglichst natürliche Materialien: dünne Holzbretter für Pfeiler, Jute oder Sackleinwand für die Gewölbe, Gipsplatten, Planken, Ziegel oder Hohlziegel für Wände GUTE BAUSTOFFE (207).

Verwende Perlit-Leichtbeton von 650-1000 kg/m³ für die Druckfüllung — er hat die gleiche Dichte wie Holz und kann wie Holz geschnitten und genagelt werden, sowohl während des Baus und in späteren Jahren, wenn Reparaturen erforderlich sind — GUTE BAUSTOFFE (207).

Stell zuerst die Säulen auf, füll sie dann mit Leichtbeton; dann schal die Balken und füll sie; dann die Gewölbe — bedeck diese zunächst mit einer dünnen Betonschicht, die zu einer Schale erhärtet; dann füll diese Schale mit noch leichterem Material, um die Fußböden zu bilden; dann mach die Wände und Fensterrahmen und füll sie aus; und schließlich das Dach, wieder ein dünnes Gewölbe aus einer Betonschicht auf einem Gewebe, die eine Schale bildet — KASTENPFEILER (216), RANDBALKEN (217), WANDSCHALEN (218), GEWÖLBTE DECKEN (219), GEWÖLBTE DÄCHER (220) ...

 

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